"Als Rentner kann ich in Deutschland nicht leben – deshalb wandere ich aus"

Ich habe 38 Jahre im Ausland gelebt. Als Reiseleiter bin ich viel herumgekommen. Derzeit wohne ich in München und arbeite vor allem in Deutschland. Aber: nicht mehr lange.► Ich muss mein Heimatland wohl für immer verlassen.  Ich bin 71 Jahre und die Umstände, in denen ich zur Zeit lebe, werden immer prekärer. Ich kann mir Deutschland schlicht nicht mehr leisten; meine Rente von 240 Euro ist zu gering. Deshalb muss ich mir andere Länder zum Leben suchen. Eine Zukunft sehe ich für mich in Kolumbien.Ich kann mir das Leben in Deutschland nicht mehr leistenMein Leben war ungewöhnlich. Meistens war ich selbständig und immer nur für kurze Zeit fest angestellt. 
Als Reiseleiter habe ich oft 12 bis 15 Stunden am Tag gearbeitet, für 15 Euro Stundenlohn.
Aber eine Festanstellung ist in meinem Beruf kaum möglich – und das bedeutet keine Sozial-, Renten-, oder Krankenversicherung. Ich muss mich um alles selbst kümmern.Dieses Leben habe ich mir selbst ausgesucht; ich wollte frei und unabhängig sein.Ich wusste, dass auch immer wieder etwas schief gehen kann, deshalb beklage ich mich auch nicht. Aber ich wundere mich, wie wenig Hilfe man bekommt, wenn man kein stinknormales Leben geführt hat.Kollegen, die mit mir zusammen eine Ausbildung gemacht haben und ein konventionelles Leben mit Struktur und Regeln geführt haben, hat nichts in ihrer Rente gefehlt.Mehr zum Thema: Der beschissene Moment, in dem ich bemerkte, dass ich arm sterben werdeIn meinem Fall wurden noch nicht einmal die Rentenpapiere aus meiner Ausbildungszeit gefunden. Obwohl ich nachweisen konnte, dass ich vor der Industrie-und Handelskammer Würzburg eine Prüfung abgelegt habe, sind mir die Rentenjahre meiner Ausbildung nicht anerkannt worden.Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitetAm meisten Sorgen macht mir derzeit meine Krankenversicherung. Die wird immer teurer und dabei kann ich sie mir schon jetzt kaum mehr leisten. Bei der AXA in Köln zahle ich etwas über 5.000 Euro, dazu kommt eine Selbstbeteiligung von nochmal 2.500 Euro im Jahr. Was ich gar nicht aufzählen kann, sind die Leistungen, die ich dennoch selbst bezahlen muss, weil sich findige Mitarbeiter immer wieder neue Vorwände ausdenken, warum die geforderte Leistung nicht übernommen wird. So bin ich schnell am Ende des Jahres mehrere Hundert Euro zusätzlich los. Will heißen, ich komme auch schon mal auf über 8.000 Euro im Jahr.Und selbst wenn ich das Ganze Jahr nicht beim Arzt war, muss ich immer noch über 5.000 Euro blechen. Für nichts. Aus dem Vertrag heraus komme ich nicht, wenn ich mir keinen Schufa-Eintrag einhandeln will. Der würde aber das Ende meiner Existenz bedeuten, da ich mit Schufa-Eintrag nicht mehr als Reiseleiter arbeiten könnte.Das könnte euch auch interessieren
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Ich werde alle meine Rücklagen verlieren Derzeit habe ich etwa 240 Euro jeden Monat zur Verfügung. Was das bedeutet, darüber brauchen wir nicht lange zu diskutieren. Die verpflichtende Krankenversicherung für jemand in meinem Alter ist eine unglaubliche Bürde, die früher oder später eine gewaltige “Bankrott-Explosion“ in Deutschland auslösen wird. Am Ende dieses Jahres werde ich die Krankenversicherung kündigen müssen. Der Grund den ich dafür angeben werde, ist mein Umzug nach Kolumbien. Dort bin ich verheiratet und damit automatisch bei der staatlichen Krankenversicherung meiner Frau mit dabei. Das bedeutet aber auch, dass ich einige bittere Pillen schlucken muss, denn ich werde sämtliche Rücklagen verlieren, die ich während der letzten 20 Jahre bei meiner Versicherung einbezahlt habe. Und falls ich jemals zurückkomme, werde ich weder bei der Axa, noch bei irgendeiner anderen privaten Krankenversicherung unterkommen. Für einen 71-Jährigen sind das keine sonderlich guten Aussichten. Allein die Kündigungsfrist für den Vertrag beläuft sich aber auf ein ganzes Jahr. Ich muss also Beiträge in voller Höhe bezahlen, wohlwissend, dass mir die 20 Jahre Rücklagen verloren gehen.Ich lehne es ab, die Grundsicherung zu beantragen Ich sehe mich als “Drahtseilkünstler“, ein von den Ungereimtheiten des Schicksals geprägtes Stehaufmännchen, als freiheitsliebender Harakiri-Kämpfer, und vielleicht bin ich auch ein etwas naiver Glücksritter. Auf keinen Fall bemitleidenswert, immer voller Kraft und Tugend, Mut und Zuversicht. ► Deshalb lehne ich es auch ab, Grundsicherung zu beantragen. Ich will niemandem auf der Tasche liegen – doch der deutsche Staat zwingt einen dazu.Ich werde immer arbeiten müssen, bis zu meinem letzten Atemzug. Das habe ich schon mit 50 begriffen.
Immerhin muss ich nicht Flaschen sammeln gehen. Noch nicht.
Wer nicht in den Abgrund der Schulden-Scham rutschen will, dem bleibt hier nur der graue Pfad der Tricksereien; der muss sich auf den Weg der rechtlichen Grauzonen begeben. Aber ich bin zu alt, um im Herbst des Lebens kriminell zu werden. Also habe ich beschlossen, nach Kolumbien auszuwandern. Denn dort hat man noch Respekt vor dem Alter und vor den Erfahrungen der Menschen, die etwas geleistet haben.(amr)

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