"Nenn mich nicht Bruder, wenn du Juden hasst!"

Abdul Chahin war einer der ersten jungen Männer, die in Duisburg zu den Heroes gegangen sind. Seit 2011 gibt es die Gruppe, in der Betreuer mit Jugendlichen über Rollenbilder und Ehre diskutieren.Mit dem Projekt “Junge Muslime in Auschwitz”, das ebenfalls in dem Kontext entstanden ist, war Chahin 2012 in der KZ-Gedenkstätte. Sein palästinensischer Vater fand das damals gar nicht gut. Chahin engagiert sich noch immer in der Gruppe. Und will dieses Jahr wieder nach Auschwitz fahren. Mit seinem Vater.  “Ehre, was soll das sein?”Ich war ein Kind, als ich das meine Eltern gefragt habe. Schließlich redeten alle davon. Meine Eltern haben mich damals vertröstet. Ich würde das lernen, wenn ich größer bin.Final gelernt hab ich’s nie. Ich hatte als Jugendlicher nur irgendwann abgespeichert, dass Frauen ihre Ehre unwiderruflich verlieren können, Männer nicht. Und dass es zum guten Ton gehört, Juden Schweine zu nennen. Dass ein ehrloser Verräter der ist, der beim Juden- und Israel-Bashing nicht mitmacht.Ich hab blöde Sprüche geklopft, aber in meinem Kopf hat’s gearbeitetIch war damals ein klassisches Jugendzentrumskind. Fast jeden Tag war ich da. Ich sag’s mal vorsichtig: Wir waren eine ziemlich chaotische Gruppe, gelangweilt, mit vielen von uns war nichts anzufangen.Aber es gab da einen Betreuer, Burak Yilmaz, mit dem ich offen reden konnte. Ich habe damals zwar auch Sprüche zu Frauen und Juden abgelassen, aber im Kopf hat’s trotzdem gearbeitet.Die Lehrer haben Diskussionen über Antisemitismus abgeblocktBurak hat das Projekt Heroes in Duisburg aufgezogen und er mich damals an Bord geholt. Die Betreuer machen Workshops, es geht um Rollenbilder, Ehre, Gewalt in der Familie. Burak hat später dann auch das Projekt “Junge Muslime in Auschwitz” organisiert.Mich hat das interessiert. Klar hatten wir das Thema in der Schule. Aber das war nicht dasselbe.Es kam oft vor, dass Jugendliche aus meiner Community antisemitische Parolen abgelassen haben. Eigentlich hätten die Lehrer wissen müssen, dass das nicht nur Sprüche sind, sondern dass da ein ganzes Fundament dahintersteckt. Aber statt in die Diskussion zu gehen, haben sie abgeblockt.Dass es den Holocaust nie gegeben habe, ist in der arabischen Community die Verschwörungstheorie Nummer eins. Aber wer in Birkenau steht, wer die Haare sieht, den die Nazis den Häftlingen abgeschnitten haben, der denkt anders. Mit diesen Bildern im Kopf den Holocaust leugnen – das kriegt niemand hin.In Auschwitz wusste ich nicht mehr, was ich denken sollteMit der Gruppe bin ich dann 2012 nach Auschwitz gefahren. Ich war überwältigt von dem, was ich sah und was der Guide erzählte. Ich habe alles mitgeschrieben. Als Deutscher fühle ich mich betroffen.Dann kamen israelische Jugendliche dazu. Und es kamen die Gefühle hoch, die meine Eltern mir vorgelebt hatten. Viele meiner Familienmitglieder sind in den Gaza-Angriffen der vergangenen Jahrzehnte gestorben.Wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Ich konnte sie Situation damals für mich auch nicht auflösen.Mehr zum Thema: “Für viele muslimische Jugendliche bricht in Auschwitz eine Welt zusammen”Die erste Diskussion mit einem Israeli war ein Schuss in den OfenEin Jahr später dann war ich zu einem Jugendaustausch in einem internationalen Jugendcamp in Dänemark. Da waren auch Israelis dabei.Ich war ganz versessen darauf, endlich einmal einen Israeli persönlich kennenzulernen. Aber der erste Versuch war ein Schuss in den Ofen.Meine ersten Fragen war: Wie ist das Leben in Israel? Wie verstehen sich die Menschen? Kennst Du Palästinenser persönlich?Ido war ein bisschen pissig, dass ich ihn so offen konfrontiert habe. Er kannte keine Palästinenser. Ich war schockiert – schließlich leben sie so nahe beieinander. Und ich habe gemerkt, wie schnell ich Position bezogen habe. Ich habe mit meiner und um meine Identität gekämpft.Gemeinsamkeiten am HerdIn den nächsten Tagen hat sich die Stimmung gelockert. Wir haben Fußball gespielt, zusammen getrunken und gekocht. Da ist uns aufgefallen, dass sich trotz der Abschottung im Nahen Osten vieles vermischt hat. Das Arabische entlehnt Wörter aus dem Hebräischen. Viele Israelis lieben Hummus, das eher aus der palästinensischen Küche kommt.Die Bombe in meinem Kopf schlug dann 2016 ein.Wir haben uns die Tränen weggewischtIch wieder auf einem Jugendcamp, diesmal in der Slowakei. Dort habe ich wieder Israelis getroffen, darunter einen, der dafür, dass er erst Mitte 20 war, in der Hierarchie der Armee schon recht weit oben stand.Er war versiert, hat sich auf stundenlange Diskussionen eingelassen. Er sagte, er würde sich über eine Zweitstaatenlösung, offene Grenzen und Frieden freuen. Und er erzählte, dass er damit nicht allein stehe.Nach diesem Gespräch haben wir uns die Tränen weggewischt.Auf beiden Seiten vergisst man so oft, dass man eigentlich über Menschen redet. Nach der persönlichen Begegnung ist es viel leichter, sich das klarzumachen. Wir müssen es hinkriegen, dass viel mehr Jugendliche und Erwachsene solche Begegnungen haben.Mit meinem Vater nach AuschwitzDieses Jahr werde ich mit meinem Vater nach Auschwitz fahren. Es ist mein größter Erfolg.  Seine Abneigung gegen alles, was mit Israel zu tun hat, sitzt zu tief. Da spielt sicher auch das Kriegstrauma eine Rolle. Es wird niemandem gelingen, ihn da zu bekehren. Aber wir haben über das Thema gequatscht, immer wieder. Und er ist jetzt bereit, sich mit der Geschichte der Juden zu beschäftigen, sie nicht nur im Kontext des Nahost-Konflikts zu sehen. Jeder zimmert sich die Religion, wie er will Ich habe mich auf viel mit dem religiös verbrämten Antisemitismus befasst. Ich bin muslimisch sozialisiert und habe aus Interesse dazu viel gelesen – was nicht heißt, dass ich besonders religiös wäre.Mit dem Islam ist es doch wie mit jeder anderen Religion auch: Jeder legt sie aus, wie er’s grad braucht. Wenn man aber die Essenz anschaut, dann geht es um Nächstenliebe, um Respekt vor den anderen.Klar kann ich im Koran Stellen so auslegen, dass ich damit Judenhass angeblich belegen kann. Überspitzt gesagt: Ich kann vermutlich den Koran auch nutzen, um zu belegen, warum man Fußball toll finden muss.Aber der Tenor des Korans ist ein friedliches Zusammenleben. Darum geht’s.Über Religion diskutiere ich aber nur mit Menschen, die mir nahestehen. Diese Diskussionen sind so heikel und kosten mega-viel Kraft, weil sie so tief gehen, an all dem rühren, was einem Halt und Identität gibt. Die Frage der EhreHeute bin ich noch immer nicht sicher, was Ehre genau ist. Aber ich glaube, ich bin meiner Vorstellung davon näher gekommen. “Nenn mich nicht Bruder, wenn du deine Ehre über deine Schwester definierst!”, hab ich einem gesagt, der bis dahin mein Freund war.Genauso sehe ich das auch mit den anderen Themen: Wer Juden Schweine nennt, beschmutzt Ehre und Religion. Was ist denn Ehre, wenn nicht die Achtung der Menschenrechte und Freundschaft?Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.Mehr zum Thema:
“Was willst Du in Auschwitz? Das hat doch nichts mit Türken zu tun”

Unsere Jungs benutzen "Jude" viel zu selbstverständlich als Schimpfwort

Lies mehr: https://www.huffingtonpost.de/entry/nenn...

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