Die größte Flüchtlingskrise, von der bisher kaum jemand gehört hat

Einst war Oraba-Kaya eine lebendige Stadt an der Grenze zwischen dem Südsudan und Uganda. Heute herrscht dort eine unheimliche Stille – es ist das Ergebnis des Krieges, der Afrikas schlimmste Flüchtlingskrise ausgelöst hat.

Seit Ende letzten Jahres ist die Stadt größtenteils verlassen. Sie liegt umgeben von Hügeln, die den Rebellen als Basis für ihre Angriffe auf regierungstreue Soldaten in der südsudanesischen Hauptstadt Juba dienen.

“Sie sind nicht unser Feind, aber falls der Konflikt auf uns überschwappen sollte, sind wir gewappnet”, sagt ein uniformierter ugandischer Soldat, der an dem verschlafenen Grenzposten stationiert ist, und deutet auf die südsudanesischen Soldaten, die in Sichtweite seines Postens die Stellung halten.

Weiter südlich in Uganda sprießt eine Flüchtlingssiedlung nach der anderen aus dem Boden. Weil die sich bekriegenden Parteien aus den südsudanesischen Regionen Dinka und Nuer nicht davor zurückschrecken auch Zivilisten anzugreifen, flieht etwa eine Millionen Menschen vor dem Bürgerkrieg.

Ethnische Säuberungen und Völkermord

Der Streit zwischen den rivalisierenden Gruppen brach aus, nachdem der ehemalige Vize-Präsident des Landes, Riek Machar, der den Nuer angehört, im Jahr 2013 vom südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir, der den Dinka angehört, entlassen wurde.

Die Europäische Kommission unterstützt NGOs und internationale Hilfsorganisationen dabei die Krise zu bewältigen, aber das Ausmaß und die Promptheit der Flüchtlingsströme sowie eine Dürre erschweren das Hilfsvorhaben. Die Bemühungen der EU sind Teil eines groß angelegten Versuches, die Ursachen der Migration von Afrika nach Europa aufzuhalten.

➨ Mehr zum Thema: Der Gipfel der Grausamkeit: Die EU will Libyen zum Handlanger ihrer Abschottungspolitk machen

Seit der Konflikt im Südsudan im Juli 2016 neu entfachte, spricht man dort von ethnischer Säuberung und Völkermord. “In diesem Krieg geht es nicht allein darum, andere Kämpfer anzugreifen, sondern jeden, der sich von einem selbst unterscheidet. Es ist ein schmutziger Krieg”, berichtet eine Hilfskraft der italienischen Organisation ACAV.

Der Hass hat bereits auf die Flüchtlingslager übergegriffen. Dinka und Nuer müssen inzwischen getrennt voneinander untergebracht werden, um das Risiko von Racheangriffen und neuen Gewaltausbrüchen zu minimieren.

Das größte Flüchtingslager der Welt

Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder, etwa eine viertel Million von ihnen ist in Bidi Bidi im Norden von Uganda untergebracht. Es ist das größte Flüchtlingslager der Welt.

Die einheimischen Behörden und Hilfsorganisationen schaffen es kaum, die Vielzahl an Neuankömmlingen zu versorgen, ehe sie sie auf andere Unterkünfte verteilen. Im Schnitt kommen 2000 Menschen pro Tag.

Unter den Abertausenden in Bidi Bidi ist auch ist die 18-jährige Gladus, die davon berichtet, wie die Dinkas die Menschen in ihrem Dorf in der südsudanesischen Region Lainya abgeschlachtet haben. „Wir haben sechs Monate lang in der Wildnis geschlafen bevor wir hierher gekommen sind“, sagt sie.

Das Flüchtlingslager Bidi Bidi in Uganda

Stella Yunimgba, eine 26-jährige Geflüchtete, die nebenbei für die Organisation „Save the Children“ arbeitet, erzählt eine ähnliche Geschichte. „Die Dinkas kommen in der Nacht, schlitzen Erwachsene und Kinder auf und werfen sie in den Fluss.“

Eine 30-jährige Grundschullehrerin und Flüchtlingsfrau, die ebenfalls aus der Region Lainya stammt, berichtet von Menschen, die mit Macheten zu Tode gehackt wurden. "Sie benutzen keine Schusswaffen, sondern Macheten. Sie wollen ihre Kugeln aufsparen.“

Furchteinflößende Geschichten wie diese gibt es in Bidi Bidi zuhauf. Sie erzählen von einem Konflikt, der zunehmend von religiöser Differenz geprägt ist und auch vor Friedenswächtern der Vereinten Nationen keinen Halt macht.

Insgesamt belaufen sich die Kosten für die Flüchtlingshilfe in Uganda auf etwas weniger als eine Milliarde Euro bis Ende diesen Jahres, doch nur 10 Prozent dieses Betrages gehen an die Hilfsorganisationen.

“Bidi Bidi könnte die zweit- oder drittgrößte Stadt des Landes werden"

Die anhaltende Dürre während der eigentlichen Regenzeit hat die Situation der Flüchtlinge zusätzlich verschlimmert. Viele verlassen den Südsudan auch um dem Hunger zu entkommen.

Die Regierung von Uganda beharrt auf ihrer Politik der offenen Tür und betraut die Menschen mit Landstrichen die sie bebauen können. Allein im Lager Bidi Bidi wurden über 60.000 Quadratkilometer Land verteilt. Die Initiative erhält Zuspruch von den dort ansässigen Gemeinden, obwohl diese selbst von großer Armut gezeichnet sind.

“Ugandas Devise in der Flüchtlingskrise war schon immer ‚Lasst die Leute kommen‘“, hält der europäische Botschafter für Uganda, Kristian Schmidt, vor Journalisten in Kampala fest.

Der große Zustrom nach Bidi Bidi hat zur Folge, dass die Leute auf kleinere Lager überall im Land verteilt werden. Nur so kann man der Mengen Herr werden. “Bidi Bidi könnte die zweit- oder drittgrößte Stadt des Landes werden,“ mutmaßte ein EU-Abegordneter.

Vielen Kindern droht der Hungertod

In der Unterkunft Kiryandongo in Zentraluganda müssen Eltern mit ansehen, wie ihre Kinder an Unterernährung leiden, während ihre Ähren in der glühenden Sonne langsam verdorren. Denn die Spenden von internationalen Hilfsorganisationen wie der Welthungerhilfe reichen bei Weitem nicht aus, um die Bedürftigen zu versorgen.

“Wir sind hungrig und krank”, sagt Mary Awel Ajok, eine 34-jährige Mutter, die in Kiryandongo lebt. Ihre drei Kinder mussten kürzlich ins Krankenhaus eingeliefert werden weil sie zu verhungern drohten.

Von Hilfsorganisationen wird erwartet, dass sie die vereinbarten Dienstleistungen erbringen, selbst wenn es ihnen an finanziellen Mitteln mangelt. Mehr noch: In Uganda ist es nicht selbstverständlich, dass Krankenhäuser an die Stromversorgung angeschlossen sind.

Die EU Kommission hat dieses Jahr bereits 11 Millionen Euro in das Lager Bidi Bidi investiert. Darüber hinaus unterstützt sie die Einheimischen bei der Fortbildung. Doch das Problem ist zu weitreichend: Rund 80 Prozent der Jugendlichen in Uganda sind arbeitslos.

Schätzungen zufolge wird sich die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2050 von 39 Millionen auf 150 Millionen Menschen erhöhen.

Der Norden von Uganda wird außerdem von der Lord Resistance Army terrorisiert. Der Anführer der Guerilla Gruppe, Joseph Kony, ist vor langer Zeit untergetaucht und deshalb schwer zu fassen. Hinzu kommt, dass die Region sich nie ganz vom Schreckensregime des früheren Diktators Idi Amin erholt hat.

Frauen leiden unter sexueller Gewalt und Missbrauch

Trotzdem bricht der Flüchtlingsstrom nicht ab. Denn für den Krieg im Südsudan, der erst 2011 unabhängig erklärt wurde, ist kein Ende in Sicht.

Eine von ihnen ist die 16-jährige Mary Akjuao, die einen dreitägigen Fußmarsch hinter sich brachte um die ugandische Grenze zu erreichen. “Junge Männer in Uniformen haben versucht mich zu vergewaltigen, doch eine Gruppe von Frauen hat mich gerettet,” erzählt sie.

Akjuao spricht mit zarter Stimme. Sie berichtet, dass sie sich eine Woche lang mit ihrer Großmutter in der Wildnis versteckte, ehe sie den Grenzort Busia erreichten. Von dort aus wurden sie mit einem Bus ins Lager Imvepi, südlich von Bidi Bidi gebracht.

Die Jugendliche sagt, sie habe miterlebt wie eine hochschwangere Frau unterwegs bei der Geburt starb. Das Baby ebenso. “Meine Großmutter weiß nicht einmal, wo ich bin,” sagt Akjuao und blickt verloren ins Leere.

Mary Akjuao

Bereits zweimal wurde das Mädchen Opfer sexueller Gewalt. Weil diese in ihrer Gemeinschaft stigmatisiert wird, muss die 16-Jährige im Lager von ihren Angehörigen getrennt leben. Die Hilfsorganisation “Care” kümmert sich um Akjuao und will dafür sorgen, dass sie “die Schmach des sexuellen Missbrauchs überwinden kann”, erklärt ein ehrenamtlicher Helfer.

"Die USA tun momentan einfach zu wenig"

Seit das Lager Imvepi im Februar eröffnet wurde, kommen dort fast alle 20 Minuten Busse voller Menschen an.

Die Ankunftshalle erstickt unter der Masse an Menschen, die von den Hilfskräften nach und nach durch das sorgfältige Gesundheits-Screening und die anschließende Registrierung begleitet werden.

“Die Situation ist eine große Herausforderung für Uganda. Es liegt in unserer Verantwortung zu helfen, doch die USA tun momentan einfach zu wenig”, sagt der Amerikaner Gregory Brady, der als Hilfskraft für “Care” arbeitet.

Die Befürchtung, dass die Regierung ihre großzügige Hilfspolitik überdenken könnte, wächst stetig. Schließlich hat Uganda eines der fortschrittlichsten Flüchtlingsgesetze der Welt, das den Schutzsuchenden nicht nur eine Arbeitserlaubnis sondern auch Freizügigkeit zugesteht.

EU-Botschafter Kristian Schmidt befürchtet, dass diese Herangehensweise sich nicht lange halten lässt. “Was passiert mit all diese Menschen hin, falls sich Uganda entscheidet die Grenze zu schließen? Wo sollen sie hin? Einige von ihnen würden sicher in den Norden ziehen, aber einige andere würden gewiss in die Hände von Menschenhändlern fallen”, glaubt Schmidt.

Dass manche Flüchtlinge versuchen könnten über Libyen mit dem Boot nach Italien zu fliehen, ist unwahrscheinlich in Anbetracht der großen Armut der meisten Menschen aus der Region.

Die Europäische Union stellt 200 Millionen Euro für Projekte in Nordafrika bereit, die zu verhindern versuchen, dass Menschen von Libyen aus übers Wasser nach Europa aufbrechen.

Vor allem Staaten, die im Süden an Europa grenzen, geraten immer mehr in den Fokus der Flüchtlingspolitik. Im November soll ein EU-Afrika Gipfel stattfinden.

Europa hält sich zurück - und Entwicklungsländer wie Uganda fangen die Krise auf

Derzeit hat die EU vorwiegend Abkommen mit Ländern wie Mali, Nigeria, Senegal und Äthiopien zu schließen. Doch die Maßnahmen, die gegen Ende 2016 in Kraft getreten sind, konnten nicht den gewünschten Effekt erzielen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass ähnliche Abkommen in der Zukunft getroffen werden.

“Europas Sicherheit und Wohlstand hängt stark davon ab, wie sich die Situation in Afrika entwickelt und damit auch unsere Beziehungen zu diesem Kontinent”, hielt ein EU-Abgeordneter Anfang Mai bei einer Pressekonferenz in Brüssel fest.

Doch das zunehmende Chaos im Südsudan und die unzureichende Bereitstellung von Hilfsmitteln haben zur Folge, dass Entwicklungsländer wie Uganda den größten Teil der Krise auffangen müssen.

“In Europa tun wir uns schon schwer ein paar hunderttausend Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen", sagt Botschafter Kristian Schmidt. "In Uganda, einem Land, das viel weniger entwickelt ist als die europäischen Nationen, müssen 1,2 Millionen Flüchtlinge versorgt werden.”

Dieser Artikel erschien zuerst im EUObserver. Er wurde von Anna Rinderspacher ins Deutsche übersetzt. Das Original auf Englisch findet ihr hier.

➨ Mehr zum Thema: Zwischen Leid, Tod und Folter: Ich suche den Menschen

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(jg)

Lies mehr: http://www.huffingtonpost.de/2017/05/20/...

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